|
Liebe Gemeinde!
Unser Predigttext steht 1. Petrus 1,3-9
3 Gelobt sei
Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner
großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen
Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, 4 zu
einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe,
das aufbewahrt wird im Himmel für euch, 5 die ihr aus Gottes
Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist,
dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit.
6 Dann
werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein
soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, 7 damit euer Glaube
als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche
Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre,
wenn offenbart wird Jesus Christus. 8 Ihn habt ihr nicht gesehen
und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht
seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher
Freude, 9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich
der Seelen Seligkeit.
Liebe Gemeinde!
Ich sammle gerne Zeitungsseiten, genauer gesagt Seiten mit Reklame – und ganz speziell Reklame,
die religiöse Motive benutzt. Und das ist gar nicht wenig, wenn
man die versteckten Botschaften einmal untersucht.
Da geht es um Zukunft und Sicherheit, um Vorsorge und Gesundheit, um
Familie und vor allem so etwas ähnliches wie „ewiges Leben“ –
zumindest um ewige Schönheit und Jugend.
Oft kommen diese Botschaften aber auch ganz unverblümt daher: Das
Schlemmerparadies im Tiefgeschoss unseres Kaufhauses lädt ein, es
gibt himmlische Versuchungen oder teuflisch scharfen Senf, Nonnen
brechen ihr Schweigegelübde mit dem Flatratetarif unseres Handys,
im Urlaub baumelt die Seele und Geiz ist keine Sünde mehr, sondern
geil.
Merkwürdigerweise wurde ich bei Anzeigen von Banken und Sparkassen
viel öfter fündig, als ich zuvor gedacht hatte. Ein Bild aus
meiner Sammlung zeigt ein Fahrrad – ein Damenfahrrad. Darauf sitzt ein
freundlich lächelnder Mann, schon etwas älter mit leichtem
Ansatz zur Glatze. Er lächelt zuversichtlich und blickt in die
Ferne, währenddessen tritt er gemächlich in die Pedale. Nun,
dieser selig lächelnde Herr kann nur einer sein: richtig! Der Herr
Pfarrer!
Damit ihn auch jeder wirklich erkennt, trägt er sogar seinen Talar
mit Beffchen – ganz in Amtstracht also. In der rechten Hand hält
er ein Büchlein, es wirkt fast wie unter den Arm geklemmt –
aber das macht ja nichts. Herr Pfarrer benutzt doch ein
gemütliches Damentourenrad. Da reicht auch eine Hand am Lenker.
Trotzdem huscht die Landschaft im Hintergrund vorbei, als habe er es
eilig. Nein, zu einer Amtshandlung ist er nicht unterwegs! Das
Büchlein ist auch nicht das Gesangbuch oder die Bibel. Der Text
auf dem Foto verrät es:“ Hochwürden weiß, wie man seine
Schäfchen ins Trockene bringt. Mit dem Sparbuch von
Wüstenrot. Denn da gibt´s Wachstumszinsen und einiges andere
mehr. ...die Bank. Unten rechts in schönem Rot: Zum Glück
berät Sie Wüstenrot.
Liebe Gemeinde, abgesehen davon, dass Pfarrer nicht in Amtstracht
unterwegs sein dürfen, wenn sie private Dinge erledigen wollen und
Hochwürden eine Anrede bzw. ein Titel für einen katholischen
Geistlichen im Priesteramt ist, haben die Werbemacher das Lebensziel
für das der Pfarrer steht, nicht ganz erfasst.
Auf ihrem Foto bezieht sich seine Zuversicht gerade nicht auf das Wort
Gottes, das er nur anscheinend bei sich trägt, sondern vielmehr
auf sein Sparbuch. Wer da
radelt ist wohl eher der reiche Kornbauer, der zu sich selbst sagt:
Was soll ich tun?
Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle.
(18)Und
sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und
größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und
meine Vorräte
(19)und
will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen
Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iß, trink und habe
guten Mut! (Lukas 12,16 ff)
Dieses Gleichnis von Jesus hat der Evangelist Lukas aufgeschrieben.
Liebe Gemeinde, unser Predigttext weiß auch etwas von Menschen,
die „ihr Schäfchen ins Trockene bringen wollen.“ Der 1. Brief des
Petrus gehört zu den sogenannten „katholischen Briefen“ im Neuen
Testament. Es sind insgesamt 7 Briefe. Schon im 3. Jahrhundert
wurden sie „katholisch“, das heißt allgemein, allgemein-
gültig, genannt. Sie richteten sich an die ganze damalige
Kirche, nicht mehr an eine Einzelgemeinde, wie das bei Paulus noch der
Fall war: Römer, Korinther, Epheser, Philipper und so weiter.
Die „katholischen Briefe“ greifen vielmehr Lebensfragen und Glaubensfragen von
mehreren Gemeinden auf. Denn denen macht es zu schaffen dass die Zeit
fortschreitet. Ihre Gemeindeglieder reißen Kalenderblatt um
Kalenderblatt ab, sie sehen die Jahreszeiten kommen und gehen, die
Kinder erwachsen werden und sie müssen sich von Gemeindegliedern
verabschieden und sie beerdigen.
Die Frage wird immer drängender: Was habt ihr uns über Ostern
erzählt?
„Der Herr ist
auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“(Lukas 24,34)
Diesen Ostergruß singen wir trotzig jedes Jahr wieder. Aber nicht
jeder Alltag ist ein Ostermorgen.
„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – wir können aber nicht im
ständigen Anfang leben. Der Zauber ist verflogen. Wir müssen
jetzt unseren Alltag bestehen. Wir möchten „unser Schäfchen
ins Trockene bringen“.
Petrus schreibt: „Doch, ihr könnt das, denn euer „Anfang“ ist ein
besonderer Anfang: Ihr seid wieder geboren, neu geschaffen .Durch
Ostern seid ihr in ein neues Leben eingetreten, dass euch vorher
verschlossen war.“
So heißt es im
Predigttext: „Gelobt
sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner
großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat... „
Petrus schreibt weiter: Ihr habt dadurch bereits
etwas geerbt! Euer Lebensziel ist schon gesichert- ihr müsst den
Alltag nicht dazu verschwenden, etwas erreichen zu wollen. Ihr habt ein
Erbe das nicht „verwelkt“.
Liebe Gemeinde, ich freue mich, dass Petrus dieses Wort gewählt
hat: verwelken! Zu seiner Zeit gab es noch kein Papiergeld, keine
Depots oder Schatzbriefe. Trotzdem wusste er, dass Wertsachen nicht
ewig halten. Er stellte sie mit Pflanzen gleich, die sich am Ende des
Sommers braun färben und verwelken – vergehen.
Der ganze Satz lautet: Gelobt sei Gott, der
Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen
Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die
Auferstehung Jesu Christi von den Toten, 4 zu einem
unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das
aufbewahrt wird im Himmel für euch.
Nun, ein Depot im Himmel – das kann keine hiesige Bank bieten. Und
darauf spielt ja auch unsere Reklame für die Bausparkasse an: Ihr
Grundtext lautet doch in etwa: was willst du dich auf später
vertrösten lassen – sieh nur hier zu, wie du dein Geld gut
anlegst. Was ist schon eine himmlische
Heimat, wenn du auch hier Bauland erwerben kannst?
Die Empfänger des Petrusbriefes haben sich wohl Ähnliches
anhören müssen. Denn Petrus nimmt ihre Erlebnisse auf und
schreibt:“ die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig
seid in mancherlei Anfechtungen...“
Anfechtungen! Die Kirche ist zu seiner Zeit nicht immer glanzvoll
und schon gar nicht mächtig. Schließlich kann keiner
gezwungen werden Christ zu sein oder Christ zu bleiben. Viele treten
aus.
Warum? Sie merken, dass der Zauber des Ostermorgens verflogen ist. In
der Gemeinde macht sich der Alltag bemerkbar: Es gibt Streit bei
Abstimmungen, neue Ideen halten Einzug, von denen keiner weiß, ob
sie zum Christentum passen oder nicht, es gibt mittelmäßige
Prediger, Vieles wird zur Gewohnheit oder uninteressant. Die Kirche
macht Rückschritte – verfällt sie vielleicht sogar?
Petrus rückt alles in ein anderes Licht! Es schreibt: das alles
ist eine vorübergehende Betrübnis. Ihr seid jetzt nur eine
kleine Zeit in Anfechtungen.
Petrus beschlagnahmt alles christliche Leben unter das Lob Gottes. „Ihr
könnt Gott auch für den Kleinkrieg loben, der unter euch
herrscht!“ – das wagt er tatsächlich zu schreiben. Alles was ihr
erlebt, muss dem Glauben dienen. Es gibt nicht „ein bisschen
Christsein“, sondern alles gehört dazu.
Euer Glaube wird nach und
nach wie ein Stück Gold werden, schreibt er:“ 6 Dann werdet
ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll,
traurig seid in mancherlei Anfechtungen, 7 damit euer Glaube als
echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold,
das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre...“
Liebe Gemeinde, dass halbvolle Kirchen, verlorener Einfluss der
Kirchen, mangelnde Jugendarbeit oder mittelmäßige
Kirchenobere ein Grund zum Loben sein sollen, das können wir kaum
glauben.
Trotzdem: diese Zeilen des Petrus haben Geschichte gemacht. Der
große evangelische Liederdichter Paul Gerhardt hat in seinem Lied
„Befiel du deine Wege“ diesen Gedanken auf den einzelnen Gläubigen
bezogen. Jeder entdeckt in seinem eigenen, ganz privaten Leben den
Zweifel – den Glauben ohne Zauber von Ostern. In seinem Lied
heißt es:
Befiehl du deine Wege / und was dein
Herze kränkt /
der allertreusten Pflege / des, der den Himmel lenkt./
Der Wolken, Luft und Winden / gibt Wege, Lauf und Bahn,/
der wird auch Wege finden, / da dein Fuß gehen kann.
Er wird zwar eine Weile / mit seinem Trost verziehn /
und tun an seinem Teile, / als hätt' in seinem Sinn /
er deiner sich begeben / und, sollt'st du für und für /
in Angst und Nöten schweben,/ als frag er nichts nach dir.
Paul Gerhard weiß, dass der Trost eine Weile ausbleiben kann und
wir denken könnten „Gott fragt nicht nach mir“. Er schreibt: “Gott
tut so, als ob er nicht nach dir fragt.“ Auch hier wieder der Gedanke:
“eine kleine Zeit seid ihr traurig und angefochten.“
Petrus schreibt in seinem Brief weiter: „Ihn habt ihr nicht gesehen und
habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht
seht.“ Wie bei einem Liebesbrief klingt das. Liebe kann man auch nicht
„beweisen“ oder messen. Man muss sie glauben. Das ist nicht einmal eine
Anstrengung – nein es passiert von ganz alleine.
Liebe Gemeinde, Der reiche Kornbauer aus dem Gleichnis von Jesus
sammelt seine Ernte, seine Erträge. Die Werbung der Bausparkasse
setzt voraus, dass wir Menschen auch nichts Besseres im Sinn haben,
dass uns sonst nichts zum Leben einfällt, als Sparbücher
anzulegen.
Ich glaube, wir legen heute Sparbücher mit SORGEN an. Wir sammeln
unsere Kritik und unseren Frust, unseren „klaren Durchblick“ und sogar
unsere Hoffnungslosigkeit. Wir befinden uns in einer ständigen „midlife-crisis“. Das heißt:
wir empfinden, dass unser Leben nach vorne immer kürzer und nach
hinten immer länger wird. Unsere Zukunft wird kleiner mit jedem
Tag – mit jedem Kalenderblatt.
Petrus beendet seinen Text
mit den Worten:“ 8 Ihn habt ihr nicht
gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr
ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher und
herrlicher Freude, 9 wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt,
nämlich der Seelen Seligkeit.
Der Seelen Seligkeit – das klingt nun vollends
unmodern. Da sammeln wir lieber unsere Kritik und frohlocken, wenn wir
wieder einmal „Recht haben“ – und bis zum Sparbuch als höchstem
Lebensziel ist es dann nicht mehr weit. Petrus sagt: Der Glaube ist
nicht die Errettung der Seelen, sondern er erwartet sie!
Der Zauber des Ostermorgens
liegt also noch vor uns.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
|